Freiarbeit - was ist das eigentlich?
 

Die verschiedenen Konzepte von Freiarbeit fußen auf Ideen der Reformpädagogik



Freiarbeit ist eine ganz bestimmte Unterrichtsmethode. Sie gehört wie beispielsweise der Projektunterricht oder die Wochenplanarbeit zu den Methoden des Offenen Unterrichts. Sie eignet sich insbesondere für die Individualisierung und Differenzierung des Lernens in heterogenen Lerngruppen.

Die Freiarbeit allerdings gibt es nicht: unter diesen Sammelbegriff fallen verschiedenste Ausprägungen und Differenzierungen einer Idee, die sich durch die Umsetzung in der Praxis als Methode ständig weiter verändert und in verschiedene Richtungen differenziert (vgl. Freiarbeit).

Das Grundkonzept aller als Freiarbeit bezeichneten Unterrichtsmethoden geht auf Ideen der Reformpädagogik um die Jahrhundertwende zurück. Ähnlich wie Vertreter der heutigen "Inneren Schulreform" suchten die Reformpädagogen schon seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach neuen, kindgerechten Lernformen und Möglichkeiten für einen Offenen Unterricht.
Unter dem Schlagwort Freiarbeit oder Freie Arbeit fasst man heute Methoden des Offenen Unterrichts zusammen, die auf eine Verstärkung der Handlungsorientierung durch ganzheitliches, erfahrungsbezogenes und selbstständiges Lernen setzen.


Hervorstechendes Merkmal von Freiarbeit: die Methode ist auf die individuelle Förderung von Kindern ausgerichtete. Kindern wird hier die Freiheit zugestanden, Lerninhalte und Lösungswege selbstständig auszuwählen. Dabei sind die Kinder weitgehend frei in der Gestaltung ihres persönlichen Lernpozesses.
Jedes Kind wählt während der Freiarbeit die Herangehensweise an ein Lernthema und das entsprechende Freiarbeitsmaterial selbstbestimmt und eigenständig aus.


Die "Freie Arbeit" - wie die Pädagogin Maria Montessori sie nannte - wird in der Bildungspraxis fast durchgehend Freiarbeit genannt. Sie ist grundlegender Bestandteil der wohl bekanntesten reformpädagogischen Richtung, der Montessori-Pädagogik.
Freiarbeit hat sich aber auch in etlichen anderen Bereichen der modernen Pädagogik etabliert. Ob im Kindergarten, in der Vorschule oder in der Unterstufe (Grundschule ,Volksschule, Primarschule) oder dann in den weiterführenden Schulen: Offener Unterricht und individuelle Förderung gewinnen im modernen Bildungswesen einen immer höheren Stellenwert und mit ihr Freiarbeit als geeignete Lernform.

Die Lernenden dürfen während der für die Freiarbeit bestimmten Zeit:

- das Lerntempo selbst bestimmen,
- die Lernstoffinhalte gemäß ihrer Fertigkeiten auswählen,
- den Arbeitsplatz und eventuelle Lernpartner selbst bestimmen,
- das angebotene Freiarbeitsmaterial und die Lernmethode selbst organisieren.

Freiarbeit wird in der Regel in bestimmten, für sie reservierten Zeitphasen in den Regelunterricht integriert, und zumeist sind auch mehrere Fächer beteiligt, deren Lerninnhalte gefestigt, vertieft und nach eigenem Interesse weiter verfolgt werden sollen.
Lediglich in ihrer radikalen Form ist Freiarbeit durchgängiges Unterrichtsprinzip.

 


Historisch gesehen basiert die Freiarbeit auf dem Menschenbild und den Konzepten der Reformpädagogik um die Jahrhunderwende. Sie geht auf verschiedene Pädagogen zurück, die unter anderem unter dem Schlagwort Freiarbeit neue Lehr- bzw. Lernformen für einen kindgerechteren Unterricht entwickeln wollten.
In ihrer Forderung nach stärkerer Orientierung des Unterrichts an den Lernenden scheint diese Pädagogik jedoch heute aktueller denn je. Angesichts der geringen Halbwertzeit unseres Wissens sehen wir uns mit der Ungewissheit darüber konfrontiert,welche Schlüsselqualifikationen zukünftig für eine erfolgreiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erforderlich sein werden. Deshalb gewinnt neben der Wissensvermittlung zunehmend die Aufgabe an Bedeutung, Kindern das Lernen selbst zu lehren: Lernende sollen befähigt werden, sich in unserer Informationsgesellschaft orientieren zu können, sie sollen die Fähigkeit zur Informationsbeschaffung, -verarbeitung und -weitergabe erwerben. Diese Schlüsselqualifikationen aber gelten als zentrale Elemente von Freiarbeit gelten - ebenso wie die anderen herausragenden Bildungsziele des 21. Jahrhunderts: Selbstständigkeit, Eigenverantwortung, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, Kreativität und Problemlösefähigkeit.   

Heterogenität und Differenzierung sind weitere Zentralbegriffe aktueller Bildungsdiskussionen. Viele erhoffen sich deshalb insbesondere von denjenigen Unterrichtskonzepten eine nachhaltige Vermittlung zukunftsfähigen Wissens, die auf eine stärkere Individualisierung der Lernprozesse setzen: wie in der Freiarbeit auch soll ausschlaggebend für die Gestaltung persönlicher Lernbiographien die Berücksichtigung von Vorkenntnissen, Interessen, Lernvoraussetzungen, Lernstrategien und Leistungsstärken sein. Neuere Forschungsergebnisse scheinen den Nutzen binnendifferenzierender Lernformen zu belegen: „Lernen kann jeder und jede nur selbst, darum ist das Lernen im Kern ein Prozeß individuellen Aneignens. Der Erfolg schulischen Lernens ist abhängig von der Anpassung der Lernumwelten und Instruktionen an die individuellen Unterschiede von Schülerinnen und Schülern“ (Bildungskommission NRW: Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft. Denkschrift der Kommission „Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft“ beim Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Neuwied 1995, S.94).

Freiarbeit zählt zweifellos zu den wichtigsten binnendifferenzierenden Unterrichtsformen, denn hier werden Kinder zum selbstständigen Planen, Ausführen und Bewerten ihrer Arbeit angeleitet und zu sachlich-kooperativem Lernverhalten erzogen. Die Lehrkraft als Berater während der Freiarbeit, attraktive Lernumgebungen für die Freiarbeit, die weitgehend freie Verfügung über Lernzeiten, lernzieldifferente Arbeit, die Befähigung zur Selbstevaluation - all diese Eckpunkte moderner Pädagogik sind in reformpädagogischen Freiarbeits-Konzepten seit langem Realität (vgl. auch Klein-Landeck, Michael: Adler steigen keine Treppen, web-Dokument 2010).
 

Die historische Entwicklung der Freiarbeit

Die Freiarbeit hat geschichtlich gesehen drei Hauptwurzeln, die gleichzeitig mit drei führenden Köpfen der Reformpädagogik verbunden sind: der italienischen Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870-1952), dem deutschen Erziehungswissenschaftler Peter Petersen (1884-1952) und dem französischen Schulreformer Célestin Freinet (1896-1966).

Die Freinet-Pädagogik ist ein ein klassischer, reformpädagogischer Ansatz - sie ist die erste historische Wurzel der Freiarbeit.

Der zweite Ursprung der Freiarbeit ist diejenige Lehrmethode, die Maria Montessori (1870-1952) entwickelte. Sie war Ärztin und Professorin für Anthropologie und Pädagogik in Italien.

Freiarbeit war für Montessori die grundlegende Lernform, die den unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen der Schüler durch weitgehende Individualisierung entspricht.
Sie nannte sie "Freie Arbeit". Montessoris Ansatz der Freien Arbeit hat sich als Montessori-Methode in der Pädagogik etabliert.( Vgl. zum heutigen Ansatz weiterführend insbesondere:
http://www.montessori-deutschland.de)

Peter Petersen schließlich ersetzte seinerzeit den Stundenplan des Regelunterrichts durch einen Wochenplan. Für die für die Wochenplanarbeit vorgesehenen Stunden erstellen die Kinder selbst einen Arbeitsplan. Auch dieser Jena – Plan , wie er bei Petersen heißt, wird oft als Vorbild für Offenen Unterricht gesehen. Er ersetzt die Schulklasse durch Stammgruppen, in denen Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam lernen. Die förderlichen Wechselwirkungen innerhalb natürlicher altersgemischter Gruppen wollte Petersen auf diese Weise auch in Erziehung und Lernen in der Schule winbringen (vgl. Grünberger 1999, S. 63ff).
Die Kinder teilen in der Wochenplanarbeit die Zeit für jede Woche selbst ein und legen fest, was sie wann tun möchten. Im Laufe der Woche dokumentieren sie ihre Planung und ihre erledigten Arbeiten in einem dafür vorgesehenen Heft.

Im Zentrum aller Konzepte der Freiarbeit steht das Hauptanliegen, den Lernenden ein großes Maß an Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zuzugestehen. Das soll ihm einen persönlichen Freiraum einräumen, in dem er selbst seine individuellen Lernprozesse eigenverantwortlich gestalten und in seiner gesamten Persönlichkeit wachsen kann.

Mit dieser Botschaft sind die Reformpädagogen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die Verschulung des Lernens im Kaiserreich angetreten.
Unter den Nationalsozialisten verlor das Konzept der Freiarbeit oder Freien Arbeit seine Bedeutung. Es wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder aufgegriffen und findet heute vor allem in der Freinet-Pädagogik und im Offenen Unterricht Anwendung.

Die Ziele der Freiarbeit



Allen reformpädagogischen Ansätzen gemeinsam ist die Leitidee, dass der Lernende nicht wegen des Lernstoffes, sondern um seiner selbst willen und für die Gestaltung seiner eigenen Persönlichkeit lernt. Montessori spricht davon, dass das Kind „Schöpfer seiner selbst“ und „Baumeister seines Lebens“ sei.
Hauptziel der Freien Arbeit ist es, mittels selbst­verant­wortlichen Lernens und sozialer Interaktion die eigenständige Entwicklung der gesamten Persönlichkeit von Kindern zu fördern.

Hierfür schaffen die Pädagogen einen durchdachten Rahmen, die sogenannte "Vorbereitete Umgebung." In dieser speziell gestalteten Lernumgebung ermöglicht das didaktisch ausgeklügelt gestaltete Freiarbeitsmaterial den Kindern auf vielfältige Weise individuelle Lernerfolge. Anders als im klassischen Stundenplan der Regelschule, sind hier weder Zeitpunkt noch Dauer oder die Art und Weise vorgegeben, in der Lerninhalte vermittelt und aufgenommen werden sollen. Freiarbeit ist somit eine Arbeitsform, die es den Kindern im Unterricht erlaubt, ihren individuellen Bedürfnissen gemäß zu lernen.

Die vorbereitete Umgebung ist eine bewusst und sorgfältig gestaltetet Lernumgebung und umfasst sowohl das Klassenzimmer als auch die weitere Schulumgebung. Sie ist Lebens-, Lern- und Entwicklungsraum - eine sorgsam angelegte Lernlandschaft, die mit ihrer räumlichen Aufteilung, ihren Farben und Formen, ihrem Mobiliar und den angebotenen Lernmaterialien den individuellen Interessen und Lernausgangslagen der Schüler sowie ihrer Lebenswirklichkeit angepasst ist.

Die vorbereitete Umgebung ist als eine Art hochentwickelter Abenteuerspielplatz zu denken, auf dem während der Freiarbeit auf spielerische Weise folgende Kompetenzen der Kinder gestärkt werden sollen (vgl. Burmester 2010 und Seilnacht, s.o.):


Sozialkompetenzen
- Empathiefähigkeit

-Teamfähigkeit, Kooperationsfähigkeit
- Kommunikationsfähigkeit
- Fähigkeit zur Entscheidungsfindung

- Verantwortungsbewusstsein

Methodenkompetenzen
- Wie verarbeite ich Informationen?
- Entwicklung von Lernstrategien
- Problemerkennung
- Verantwortungsübernahme
- Konfliktlösung
- Lösungswege finden

Fachkompetenzen
- Vertiefung von Wissen, Einübung instrumenteller Fähigkeiten
- kritische Prüfung der Ergebnisse
- Wissen/Fähigkeiten selbst aneignen und anwenden


Selbstkompetenzen
- Selbständigkeit

- Reflexionsfähigkeit

- Gesprächsfähigkeit: Wünsche/Bedürfnisse äußern
- Stärken und Schwächen erkennen
- Fühlen/Denken/Handeln
- Neigungen/Begabungen leben

 

Die Lehrkraft ist aber nicht ausschließlich beratend und unterstützend andiesen Prozessen beteiligt. Auf die Lehrer-Schüler-Beziehung hatdie Freiarbeit folgende Auswirkungen:

- Lehrer und Schüler erfahren sich gleichermaßen als Lernende

- Verbesserung der Lehrer-Schüler-Beziehung (bessere Gesprächsmöglichkeiten)

- Weiterbildung der Kompetenz des Lehrers (vgl. Seilnacht, s.o.)

Die vorbereitete Umgebung bietet als Lernlandschaft didaktisch sorgfältg gestaltete Freiarbeitsmaterialien, die die Kinder für ihre selbständige Arbeit brauchen. Diese Lernmittel sind kein Anschauungsmaterial, das die Lehrkraft für Erklärungen benutzt. Sie sind vielmehr Erfahrungsmaterial, das die Kinder handelnd entdecken.
Innerhalb des Freiarbeitsmaterial - Angebots können die Schüler gewünschte Aufgaben völlig frei auswählen. Dabei kann das Freiarbeitsmaterial Bezug zum Unterricht haben oder über diesen hinausgehen. Es kann zum Üben und Vertiefen bereits bekannter Inhalte dienen oder die Kindern motivieren, ihnen unbekannte Lernbereiche auf kreative oder experimentelle Weise zu erforschen. Die Kinder holen sich die dafür nötigen Freiarbeitsmaterialien und arbeiten mit ihnen an einem von ihnen selbst gewählten Arbeitsplatz. Jedes Kind bestimmt dabei auch sein eigenes individuelles Lerntempo und ob es in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit lernen will.

Diese Wahlfreiheit ist für die Freiarbeit entscheidend: das selbsttätige Arbeiten im Unterricht ist durch ein Höchstmaß an individueller Freiheit geprägt, mit der jeder Schüler verantwortlich umzugehen lernt.
So gibt es in der Freiarbeit weitgehende Freiheiten in der Wahl...

• des Lerngegenstandes: Schüler wählen in der Freiarbeit aus dem Angebot der Lernumgebung einen Lerngegenstand aus, der ihren persönlichen Interessen und Lernvoraussetzungen in besonderem Maße entspricht. Damit legen sie sich auf ein Fach oder fächerübergerifendes Thema fest, wählen den geeigneten Schwierigkeitsgrad der Aufgabe und das Ziel des Arbeisvorhabens. Sie bestimmen selbst, ob sie sich eigenständig etwas Neues erarbeiten oder Bekanntes wiederholen und vertiefen wollen.

• der Sozialform: Die Schüler entscheiden selbstständig, ob sie allein, mit einem Partner oder in der Gruppe arbeiten wollen.

• der Zeit: Schüler dürfen nach individuellem Lerntempo arbeiten und die Arbeitsdauer selbst festlegen. Sie sind frei in Rhythmus und Gestaltung ihrer Pausen, solange sie niemand anderen bei seiner Arbeit stören.

• des Arbeitsortes: Auch hier haben Schüler weitgehende Freihei. Sie dürfen im Klassenzimmer, oft auch auf dem Flur oder etwa in der Bibliothek oer Lernwerkstatt ihren Arbeitsplatz wählen. Oft dürfen und sollen sie sogar andere Klassen aufsuchen (Prinzip der offenen Türen).


Jede reformpädagogische Unterrichtspraxis weist hier eigene Besonderheiten auf: Kennzeichen der Montessori-Klasse ist die Arbeit mit didaktischem Material in einer Vorbereiteten Umgebung, an Petersens Jena-Plan- Schule dominiert das individuelle Lernen an gemeinsamen Themen im Gruppenunterricht und bei Freinet steht das entdeckende Lernen in Ateliers im Zentrum.

 

Nach welchen Regeln funktioniert Freiarbeit?


Den Konzenpten der "Freien Arbeit" bei Montessori und der "Freiarbeit", wie sie seit der modernen Refompädagogik entwickelt wurde, liegt derselbe pädagogische Ansatz zugrunde: Ausgangspunkt sind die zugestandenen Freiheiten in der Gestaltung einer persönlichen Lernbiographie.

Ganz ohne Regeln, funktioniert aber auch diese Unterrichtsmethode nicht:
Es gibt klar formulierte Aufgabenstellungen, einmal eingeschlagene Lösungswege und angefangene Aufgaben sollen zu Ende geführt werden, und Ordnung, Rücksichtnahme auf andere und soziale Kompetenzen werden hier ebenso gefordert wie gefördert.
Die elementaren Regeln für die Freiarbeit werden sinnvollerweise mit den Kindern zusammen erarbeitet. Sie nehmen Regeln und Umgangsregeln ungemein ernst, wenn sie von ihnen selbst im Dialog ausgehandelt wurden und auf diese Weise als ihre eigenen Regeln zum Vorteil aller begriffen werden.

Regeln für die Freiarbeit könnten beispielweise wie folgt lauten (vgl. Bairlain/Kuyten 2003, Seilnacht, s.o.):

- Überprüfe das Freiarbeitsmaterial auf Vollständigkeit!
- Behandle das Material sorgfältig!
- Lege das Material nach der Arbeit vollständig an seinen Platz zurück!
- Räume den Arbeitsplatz nach einer beendeten Freiarbeit auf!
- Störe niemand bei der Freiarbeit!
- Arbeite und spiele leise!
- Hilf anderen oder lass dir helfen!
- Brauchst du Hilfe, frage erst einmal andere Kinder. Erst danach bitte bei der Lehrkraft um Umterstützung.
- Protokolliere in deinem Heft, was du gearbeitet hast!


Die Freiarbeitsregeln können jedem Kind auf einem Regelblatt ausgehändigt werden. Sinnvoll kann auch ein Plakat an der Wand des Klassenraums sein oder Impulskarten, auf denen einzelne Regeln per Symbol verdeutlicht werden. Wird es während der Freiarbeit beispielsweise zu laut, kann jeder auf das Plakat verweisen oder die Lehrkraft hält die entsprechende Symbolkarte hoch.

Die Kinder führen während der Freiarbeit zum Teil sehr unterschiedliche Aufgaben nebeneinander aus.
Das angebotene didaktische Material spricht idealerweise unterschiedliche Sinnesqualitäten an und ermöglicht die Arbeit in verschiedenen Sozialformen. Freiarbeit berücksichtigt also gleichermaßen kognitive, instrumentelle, emotionale und soziale Aspekte.

Täglich wird die geleistete Arbeit dokumentiert und gegebenenfalls der ganzen Lerngruppe präsentiert.

Um die erklärten Ziele dieser Methode erreichen zu können, ist eine sorgfältige Vorbereitung der Her- und Bereitstellung von Freiarbeitsmaterial, der Gestaltung des Klassenraums und daneben ein kooperatives Verhalten von Direktion und Kollegium sowie die Offenheit der Eltern unabdingbar.
 

Gibt es entscheidende Vorteile der Freiarbeit?

Freiarbeit weckt die Neugier und motiviert zum Lernen. Denn Lernen - das zeigt die moderne Neurobiologie - findet immer dann statt, wenn die Herausforderungen der Umwelt mit dem vorhandenen Wissen nicht gelöst werden können.
Bei Maria Montessori ist das der „psychologische Schlüssel“: Das Kind wird hier eigenverantwortlich aktiv, es sucht und findet eigenständig Lösungen.
Dabei ist es den Pädagogen in der Nachfolge der Reform-Pädagogik ganz gleich, ob Kinder eine Lösung für ein Problem durch Ausprobieren, gezielte Fragen oder selbständige Recherche finden oder ob sie in der Zusammenarbeit mit anderen Kindern lernen. Der Lerneffekt ist – auch das haben Studien nachgewiesen - ungleich höher, wenn eigenständig und dem individuellen Lerntyp und Entwicklungsstand entsprechend gelernt wird.
Gleichzeitig werden Selbstvertrauen und soziale Kompetenzen wie Verantwortungsbewusstsein oder Rücksichtnahme (Teamfähigkeit) gestärkt: In der Freiarbeit wird die Gesamtpersönlichkeit entwickelt.

Die freie Aufgabenwahl und Selbstbestimmung des eigenen Lerntempos - das individuelle Arbeiten - vermindert die Gefahr der Unter- oder Überforderung der Lernenden. Stattdessen werden eine erhöhte Individualisierung und innere Differenzierung möglich.
Freiarbeit eignet sich damit insbesondere für Lehrsituationen mit heterogenen Lerngruppen mit Lernenden unterschiedlichsten Förderbedarfs.

Gibt es Nachteile der Freiarbeit?

Es gibt wohl weniger der Freiarbeit immanenten Nachteile, sondern vielmehr ganz konkrete Gefahren unsachgemäßer Umsetzung von Freiarbeit im Offenen Unterricht.

Freiarbeit ist eine anspruchsvolle Unterrichtsform, deren Erfolg an die Lehrkräfte und Kinder gleichermaßen hohe Anforderungen stellt. Daher bedarf es einer gründlichen Vorbereitung und Einführung durch die Lehrkräfte. Andernfalls kann diese Unterrichtsmethode ihrem eigenen Anspruch nicht genügen.
“Dies ist ein hoher Anspruch, bei dem es das im alltäglichen Unterricht durch die Lehrkraft leistbare im Auge zu behalten gilt. [Er] mag wünschenswert sein; ebenso ist es unter den derzeitigen Rahmenbedingungen (Klassengrößen, Unterrichtsverpflichtungen von Lehrkräften, räumliche und mediale Ausstattung von Schulen etc.) visionär. Wichtig ist, für die alltägliche Unterrichtspraxis das richtige Maß zwischen Wünschenswertem und Machbarem zu finden.” (Haß, 2008)

Die Methode der Freien Arbeit oder Freiarbeit hat das Ziel, die Schüler in einem ausgefeilten Prozess zu eigenständigen, selbsttätigen Lernern werden zu lassen, indem sie die Steuerung der Lernprozesse in deren eigene Hände legt.

Das Schulsystem ist in Deutschland erzieht Kinder momentan eher zu einem Individual­kämpfer als etwa Teamgeist oder Gruppenarbeit zu fördern.

Bleiben Kooperation und wechselseitige Unterstützung aber ungeübt, kann die freie Arbeit in einer Lernlandschaft mit facettenreichem Lernangebot nicht erfolgreich sein.

Um frei arbeiten zu können, müssen gemeinsam Ordnungsregeln gefunden und vereinbart werden, mit denen die organisa­torische Selbstständigkeit gewährleistet wird.

Anfangs fehlen den Kindern oft die für die Freiarbeit notwendigen Voraussetzungen wie Arbeitstechniken, Lernstrategien und Wissen über Kontroll- und Korrekturmöglichkeiten. Der Lernprozess gerät indes zum Chaos, wenn die Kompetenz zur selbständigen Arbeit und zur Zusammenarbeit nicht geschult werden!
Freies Arbeiten bedarf daher einer langsamen und gut geleiteten Einführung, um die Lerner, aber auch die Lehrer, mit ihrer neuen Verantwortung nicht zu überfordern.



Maßnahmen, die den Erfolg der Freiarbeit sicherstellen:

"Eine große Erleichterung zur Umsetzung stellt die Tatsache dar, dass die Durchführung freier Arbeitsformen vom Bildungsplan her erwünscht und deshalb auch gefördert wird. Dies Erleichtert die Rechtfertigung vor und die Absprache mit den Kollegen und mit der Schulleitung. Auch ein Überzeugen der Eltern kann durch das Zitieren des Bildungsplans erleichtert werden" (Traub 2000,S. 117)

In der konkreten Durchführung sind folgende Faktoren ungemein hilfreich:

- Lernangebote anfangs auf wenige Materialien beschränken = Entscheidung treffen erleichtern

- deutlich vermitteln, dass es nicht darauf ankommt, möglichst schnell möglichst viele Arbeitsmittel abzuarbeiten = Ausdauer und Konzentration auf selbstgewähltes Arbeitspensum ermöglichen

- Betonung des Werts von intensiver Kooperation = Absprachen, Einigung, kooperatives Lernen fördern, eventuell Betonung des „Expertenprinzips“: für einzelne Materialien gibt es Experten unter den Kindern, die speziell in die Aufgabenstellung eingeführt wurden und bei Unsicherheiten von ihren Mitschülern um Rat gefragt werden können.

- offener Zugang aller Materialien, deutliche und übersichtliche Struktur der vorbereiteten Lernumgebung, deutliche Kennzeichnung von Sachgebieten, Aufgabenstellungen und Schwierigkeitsgraden = die Umgebung bleibt auch für jüngere Kinder überschaubar, mühelosere Orientierung, höhere Motivation, selbstständiges Arbeiten ist möglich

- Gestaltung des Materials: Aufgabenstellung genau auf Leistungsfähigkeit der Schüler abgestimmt, Selbstkontrolle eindeutig, verständlich, leicht anzuwenden

- neue Lernschritte erst im Unterricht erarbeiten und dann erst in der Freiarbeit üben und festigen

- Betonen, dass es völlig in Ordnung ist, Fehler zu machen = Mogeln vermeiden, Spaß an der Arbeit fördern und die Freude ermöglichen, aus eigener Kraft etwas geschafft oder geschaffen zu haben. (Den Zugang zur Selbstkontrolle zu erschweren, erleichtert es schnell verzagenden Lernenden, den eigenen Weg selbständig bis zum Ergebnis zu gehen.)

 

Wie sieht Freiarbeit in der Praxis aus?

Die ermutigende und unterstützende Beratung durch die Lehrkraft und das Freiarbeitsmaterial, mit dem sie die Vorbereitete Umgebung gestaltet, sind die wichtigsten Voraussetzungen für das individuelle Lernen.


Das Freiarbeitsmaterial
(Kopiervorlagen, Lernspiele, Lernwerkstätten, Lernzirkel, Stationen ...) enthält eine gezielte Fragestellung und bietet dazu umfangreiches Aufgaben-, Übungs- und Informationsmaterial für die Lösung an.


Dabei kann Freiarbeit

- auf ein Unterrichtsthema vorbereiten (Beispiele: Lernwörtersammlungen erstellen, Phänome beobachten und beschreiben, Experimente durchführen);

- ein Unterrichtsthema vertiefen (Beispiele: Wissensquiz, Experimente, Lernkarteien);

- ein Unterrichtsthema erarbeiten (Beispiel: Begriffe müsen in einem Lexikon nachgeschlagen werden);

- ein Problem transparent machen (Beispiel: Experimentieraufgabe in der Sachkunde);

- Verknüpfungen zu anderen Unterrichtsfächern herstellen (Beispiel: fäcchrübergreifende aufgbenstellungen, Gedichte oder Texte zu einem sachkundlichen Thema sollen erstellt oder gelesen und und interpretiert werden);

- psychomotorische Förderung ermöglichen (bei allen praktischen Tätigkeiten wie experimentieren, kleben, ausschneiden, sortieren etc.)


Das Freiarbeitsmaterial sollte:

- möglichst viele Sinne ansprechen.

- mit klaren Arbeitsaufträgen eine selbständige Bearbeitung der Aufgaben ermöglichen

- die Möglichkeit der Selbstkontrolle bieten

- mit Materialien in verschiedenen Schwierigkeitsgraden eine individuelle Differenzierung ermöglichen

Jeder Posten ist in einem stabilen Kasten untergebracht (Holzkiste, Karton u.ä.) und enthält:

- Arbeits- oder Spielanleitung

- Freiarbeitsmaterial

- Material zur Selbstkontrolle (evt. auch extra Lexikon oder Karteikarten)

Eine Inventarliste ist für die turnusmäßige Überprüfung des Freiarbeitsmaterials auf Vollständigkeit hilfreich. (vgl. Seilnacht, s.o. )



Die Lehrkraft
hat hier die vorrangige Aufgabe, Unterstützung anzubieten, wann immer Kinder auf demotivierende Schwierigkeiten stoßen.
Das Überprüfen der Lösungen dagegen ist zweitrangig. Freiarbeitsmaterial ist wie klassiches Montessori Material so konzipiert, dass die Kinder anhand der Selbstkontrolle sofort selbst erkennen können, ob sie die Aufgabe erfolgreich gelöst haben.


Der Raum
in dem die Freiarbeit stattfindet, muss eine vorbereitete Umgebung sein, in der die Lernangebote frei zugänglich sind. Die Kinder sollen sich im Raum frei bewegen können und dabei auch die Möglichkeite haben, sich an Arbeitsplätze zurückzuziehen und ungestört arbeiten zu können.
Es ist wichtig, dass das Klassenzimmer nicht nur Lern- und Arbeitsraum ist, sondern auch ein Raum, in dem die Kinder sich wohlfühlen und mit dem sie sich als "ihrem" Raum identifizieren. Dadurch wächst die Bereitwilligkeit und das Interesse am Lernen.


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Ein typischer Lernraum für Freiarbeit
Foto: abbamouse


Während der Freiarbeit finden in einem Lernraum gleichzeitig völlig unterschiedliche Tätigkeiten statt. Der Raum sollte deshalb von vornherein - beispielsweise durch Raumteiler - in verschiedene Zonen aufgeteilt werden:

Bastel- und Ausstellungsraum
Experimentierraum
Musikbereich
Lesestube ...

 

Eine besondere Rolle spielt die Positionierung des Materials und seine übersichtliche Anordnung und gute Erreichbarkeit für alle Kinder.


-
Vorstellen der einzelnen Freiarbeitsmaterialien
- Einführung in die Verwednung des Laufzettels, Freiarbeitsheftes o.ä., mit dessenHilfe die Arbeit dokumentiert wird.
- Erarbeiten oder Auffrischen der Umgangsregeln für die Freiarbeit

Ein typischer Arbeitszyklus der Freiarbeit umfasst dann mehrere Phasen:

Beginn der Arbeit



Zeitlich
sollte die Freiarbeit einen festen Platz im Stundenplan erhalten und möglichst täglich und nach fest vereinbarten (Verhaltens-)Regeln stattfinden.
Dazu gehört auch eine geeignete Form der Dokumentation beabsichtigter und geleisteter Arbeiten.


Das Material
(z.B. Lernkarteien, Klammerkarten, Dominos usw.) gilt als entscheidendes Element der Freien Arbeit. Nur geeignetes Material regt die Kinder an und ermöglicht selbst­ständiges Arbeiten durch Selbstkontrolle.
Geeignetes Material heißt, dass es im Grundschulbereich kindgemäß und später lernergemäß ist und dem jeweiligen Entwicklungsstand angepasst wird. Idealerweise bauen die Materialien aufeinander auf und sind miteinander verknüpft, und ermöglichen so einen fortlaufenden Lernprozess.
Eine eigenständige Erarbeitung von Lerninhalten und die selbständige Auseinandersetzung mit ihnen sollen durch die Materialien nicht nur ermöglicht, sondern über einen hohen Aufforderungscharakter auch unbedingt angeregt werden.
Dabei müssen die Lernmittel zugleich den unterrichtlichen Vorgaben der Bundesländer entsprechen.
Hergestellt wird das Freiarbeitsmaterial am besten aus Pappe - der besseren Haltbarkeit und mehrfachen Verwendung mit Folienstiften wegen sollte sie laminiert werden.
Wichtig ist auch, dass der Schwierigkeitsgrad für alle Kinder einsichtig und zu bewältigen ist.
Um hingegen Interesse und Neugier zu fördern, ist es wichtig, dass das Material für die Freiarbeit Anreiz- und Spielcharakter besitzt und auch optisch anspricht. Man spricht dann von einem hohen Aufforderungscharakter des Materials.
Im Blick auf den sozialen Umgang stellt es zudem einen wichtigen Faktor dar, dass das Material zur Kooperation anregt.

Um den Überblick über das gesamte Freiarbeitsmaterial zu behalten, ist es für Freinet im Grundschulbereich sehr sinnvoll, von Beginn an eine Unterteilung einzuführen. Er schlägt folende Bereiche vor: Sinne, Gestalten, Lesen, Schreiben, Rechnen, Sachunterricht und Spielen. Bei allen Materialarten/-formen für die Freiarbeit geht es vorrangig um eine selbst kontrollierte und handelnde Beschäftigung mit Lerninhalten.



Materialbeispiele für die Freiarbeit im Grundschulbereich:



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- Kärtchen einander zuordnen (hier z.B. Anlaute und Wortrest)

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- Klammerkarten (hier muss z.B. der bestimmte Artikel richtig angekreuzt oder geklammert werden.


- Dominos
- Karten für die Setzleiste
- Lese- und Schreibpuzzle
- Einmaleinsbingo
- Experimente
- Merkspiele, Konzentrationsspiele: Memory
- Geschicklichkeitsspiele (Schwungübungen z.B.) ...



Freiarbeitsmaterial kann in unterschiedlichen Organisationsformen angeboten werden:
es gibt Materialien für die Freiarbeitsecke, Lernen an Stationen bzw. Lernzirkel, Lerntheken, Lernwerkstätten ...

Zu Beginn der Arbeit an einem neuen Thema steht die Einführung:

Zunächst entscheidet sich das Kind für eine Arbeit und holt zur Vorbereitung alle benötigten Materialien an seinen Platz, den es sich zum Arbeiten ausgesucht hat.
Dazu mag gerade während der Einführung in die Freiarbeit ein Vorgespräch mit der Lehrkraft notwendig sein, in dem die Grundprinzipien und konkrete Arbeitsregeln der Freiarbeit immer wieder aufgefrischt werden, und das Kind in seinem Entscheidungsprozess unterstützt wird, was, wo und mit wem es arbeiten möchte.


Vertiefung


Dann folgt die Phase der Vertiefung in die Arbeit. Sie kann je nach Kind von unterschiedlicher Intensität und Ausdauer sein. Hier kann das Kind zur „Polarisation der Aufmerksamkeit“ kommen.


Reflektion und Dokumentation

Etwa 5 Minuten vor dem tatsächlichen Ende der Freiarbeitszeit wird ein Signal gegeben. So haben die Kinder genügend Zeit ihre Arbeit abzuschließen und den Arbeitsplatz aufzuräumen.

Die letzte Phase ist diejenige der Ruhe, in dem das Kind Rückblick auf die geleistete Arbeit hält, sie dokumentiert und sich dabei mit der Lehrerkraft oder mit anderen Kindern über seine Erfahrungen und Erkenntnisse austauschen kann. Dies trägt dazu bei, dass de Kinder sich ihrer selbst, der Mitschüler und der Lernerfahrungen noch bewusster werden. Auch eventuell aufgetretene Probleme können in dieser Phase besprochen werden.
Je nach Gestaltung dieser Phase üben die Kinder hier, sich sich für die Arbeit anderer zu interessieren, zuzuhören und auch ihre eigene Arbeit, ihre Erfolgserlebnisse aber auch ihre Schwierigkeiten und Probleme darzustellen und zu verbalisieren.

Auf diese Weise werden Empathiefähigkeit wie realistische Einschätzung und Bewertung der eigenen Person gefördert.

 

 

Bianka Blöcker




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